• Fuchsfrühling

Freigang auf Zeit

Nachdem wir den Donnerstag in Quarantäne verbracht haben, lauerte ich den gesamten Freitag Vormittag vor dem Handy in Erwartung des erlösenden Klingelns. Der Gedanke, die kommenden 14 Sommertage im Haus verbringen zu müssen, machte mich doch nervös. Um 12 Uhr war es dann endlich soweit:


Das Gesundheitsamt gab Entwarnung, die Tests waren negativ, die Stimmung entsprechend positiv. Und was ist das für ein Gefühl, seine Freiheit wieder zu haben! Die war uns zwar gerade mal läppische 36 Stunden entzogen worden, aber dennoch war es ein berauschender Moment, wieder vor die Türe zu treten. Wobei - wer weiss, wie lange der Freigang währt. Das ist ja gerade das Gemeine an dieser ganzen Misere, dass es keine richtige Entwarnung gibt und dass man immer in Hab-Acht-Stellung ist und auf die nächste Welle gefasst sein muss. Ich hatte im März einen Artikel im Spiegel gelesen, der nach dem Lockdown einen Ausbruch der Lebensfreude in Italien prophezeit hatte. Aber dieses ausgelassene Feiern wird wohl erst mit der Zulassung des Impfstoffs möglich sein.


Mir wurde in diesen Tagen jedenfalls schmerzhaft bewusst, wie tief wir noch in der Krise stecken und wie schnell einem die lang ersehnte Normalität wieder genommen werden kann. Und dann ist das einfach immer sehr emotional, meine Eltern waren die Tage bei uns, da macht man sich natürlich immense Sorgen, ob man sie angesteckt hat. Folglich reduziert man die Treffen wieder, was aber die Kinder traurig stimmt. Ich zähle jedenfalls die Tage seit unserem letzten Treffen und mache drei Kreuze, wenn die Inkubationszeit vorbei ist. Und dann muss man sich wieder neu entscheiden: Die Großeltern treffen inklusive Ansteckungsrisiko oder das Nicht-Sehen in Kauf nehmen?


Achja, dieses schlechte Corona-Gewissen ist auch so ein Symptom unserer Zeit: Das ungute Gefühl nach dem Treffen mit den Großeltern, nach dem Besuch im Schwimmbad und auf dem Spielplatz, nach der Begrüßungsumarmung einer Freundin, nach dem Blick aufs Handy nach dem Supermarktbesuch mit nicht-desinfizierten Händen.


Man, waren das unbeschwerte Zeiten, damals, in diesem Vor-Corona-Leben.





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